THE EXTRAORDINARY LIFE OF E. ADAÏEWSKY

Reprofoto. Ella Adaiewsky-Achultz. , ETMM _ Fk 636/d, Eesti Teatri- ja Muusikamuuseum, http://www.muis.ee/en_GB/museaalview/1890247

An Introduction by Dr .Kalbacker:

Composer, pianist and musicologist Ella von Schultz Adaïewsky (1846 -1926) created a wildly unorthodox musical life for herself that deserves attention. She forged a fascinating life path, a singular compositional style, and pioneering ethnomusicological research. Thanks to an extensive 2005 biography and the publishing of a previously-lost manuscript, the story of this fin de siècle savant can finally be known. Dr. Renate Hüsken has painstakingly compiled and summarized an extensive collection of family letters and diaries in her 2005 biography, Ella Adaïewsky (1846-1926): Pianistin, Komponistin, Musikwissenschaftlerin. The monograph, not yet translated into English, contains a clear account of the exceptional trajectory of Adaïewsky’s life including her commissions by Tsar Alexander II, her receipt of an imperial pension for fifty years, her compositional work under a male pseudonym (E. Adaïewsky), her circle of well-known colleagues across Europe, her formidable journalistic output in Italy, and her groundbreaking ethnomusicological research. As a child, Adaïewsky was piano prodigy who toured Europe with her mother. Recruited by the family of the Tsar to attend the newly-created St. Petersburg Conservatory in 1864, she was the first female student to receive the best possible grade in the subjects of composition and theory, a score of 5, or "excellent." Although her funding was slated to end at this point, her scholarship was extended into a secret imperial pension from the Tsar’s personal fortune, which was supposed to have lasted until she married - but Ella rejected marriage and instead composed for decades. Hüsken chronicles that the composer actually continued to receive payments (with varying regularity due to assassinations, world wars, and postal delays) for an astonishing fifty years, until about 1915. Adaïewsky wrote multiple operas, and although they were admired and championed by her famous colleagues including Charles Gounod and Franz Liszt, they were not performed in her lifetime due to censorship, intrigues, and family emergencies. However many of her other works (over 100 chamber music pieces, songs, and sacred works) were published by C.F. Kahnt, Simrock, Ricordi, and Gutheil, receiving critical acclaim. Her writing is masterful and a fascinating display of late Romantic style. In 2008 an original ethnomusicological manuscript of hers was discovered by the daughter of her nephew Benno Geiger. This study, entitled Un voyage à Résia, was the product of Adaïewsky’s visit to a secluded Slavic village in the mountains of northern Italy in the winter of 1883. It was first translated into Italian in 2012 and into English by Elizabeth Swain in 2017. Febo Guizzi writes in his essay which accompanies the manuscript’s translation, “Adaïewsky shows her mastery of a method that can be seen as not only 'legitimate' but above all mature, advanced, and unrivalled for its epistemological quality at that time.” Now that these important documents have come to light, this presentation (which includes performances of some of her vocal works) will aim to spark new English-language scholarship on the life and work of this extraordinary pianist-composer-musicologist. One hundred years ago she was too far ahead of her peers, but now Ella von Schultz Adaïewsky’s time has finally come.

Biographical Sketch by Dr. Renate Hüsken

(German and English)

„E. Adaïewsky“ lautet der Künstlername der jungen Frau, deren Chorwerke 1870 im russischen Pfingstgottesdienst in Bad Ems erklingen – in Anwesenheit und auf ausdrücklichen Wunsch Zar Alexanders II., vorgetragen von den Sängern der Kaiserlichen Hofkapelle. Als Elisabeth Schultz, genannt „Ella“, wird sie am 10. Februar 1846 (Julianischer Stil) in Sankt Petersburg geboren. Sie ist das älteste der fünf Kin­der des Arztes Dr. Georg Julius Schultz [ab 1856 von Schultz] und seiner Frau Theodora. Ellas Vater ist baltischer, die Mutter norddeutscher Herkunft. Beide Eltern sind sehr musikalisch. Die Mutter, Schülerin und Assistentin des zu dieser Zeit weltberühmten Komponisten, Pianisten und Musikpädagogen Adolph Henselt, unterrichtet Klavier an einem vornehmen Sankt Petersburger Mädcheninstitut.

Vom 6. Lebensjahr an erhält Ella regelmäßigen Klavierunterricht, zunächst bei ihrer Mutter, dann bei Adolph Henselt, während eines längeren Deutschlandaufenthaltes bei der Liszt-Schülerin Martha von Sabinin. Auf dieser Reise wird der Mutter bewusst, dass Ella ungewöhnlich großes Talent hat, und da es um die finanzielle Situation der Familie eher schlecht bestellt ist, beschließt man – in der Hoffnung auf lohnende Einkünfte –, das junge Mädchen zur Klaviervirtuosin auszubilden. Unter der Auf­sicht der ehrgeizigen Mutter, unterrichtet von Henselt und Nicolas von Martinoff, beginnt für die Dreizehnjährige eine Phase intensiven Klavierstudiums. Zwei Jahre später, im Winter 1861/62, gibt Elisabeth von Schultz in Sankt Petersburg ihr erstes öffentliches Konzert. Es wird ein großer Erfolg. Konzerte in den russischen Ostseeprovinzen, in Polen, Frankreich, England, den Niederlanden und Deutschland schließen sich an und sorgen nicht nur für Ruhm, sondern auch für die dringend benötigten finanziellen Einnahmen.

Das erfolgreiche Konzertieren einer Henselt-Schülerin im westeuropäischen Ausland hat in der russischen Hauptstadt Aufsehen erregt: Als Elisabeth von Schultz 1864 nach fast zweijähriger Abwesenheit in ihre Heimat zurückkehrt, wird sie vor allem von Adelskreisen und Mitgliedern der Zarenfamilie hofiert. Da man die junge Frau als prominente Schülerin für das kurz zuvor von Anton Rubinstein gegründete Sankt Petersburger Konservatorium gewinnen will, bietet man ihr (als Ersatz für die während des Studiums entfallenden Konzerteinnahmen) zeitlich befristete Zahlungen  und dem Vater einen Posten im Hofministerium an. Im September 1864 tritt Ella von Schultz zur weiteren Ausbildung in das Sankt Petersburger Konservatorium ein. Ihre Lehrer sind der Direktor des Instituts, Anton Rubinstein (Instrumentation) und der Komponist Nikolaus Zaremba (Komposition) – beide unterrichteten auch Peter Tschaikowsky, der das Konservatorium von 1862-1865 besuchte –, der tschechische Komponist und Volksliedsammler Ignaz Vojáček (Musiktheorie), der russische Musikschriftsteller und Komponist Alexander Famintzin (Musikgeschichte) und der böhmische Pianist und Komponist Alexander Dreyschock (Klavier). Mit dem Diplom des „Freien Künstlers“ schließt die junge Frau 1869 ihre Ausbildung ab.

Schon während des Studiums hatte sich Elisabeth von Schultz mehr und mehr der Komposition zugewandt. Als 1870 die Aufführung ihrer russisch-orthodoxen Kirchenchöre zu scheitern droht, weil ihr Name sie als weiblich, deutscher Abstammung und protestantischen Glaubens ausweist, wählt sie das männliche russische Pseudonym „E. Adaïewsky“ (weibliche Namen enden im Russischen auf -a). Diesen Künstlernamen behält sie ihr Leben lang bei, variiert ihn aber später, indem sie ihren Geburtsnamen voranstellt („E. von Schultz-Adaïewsky“) und/oder ihren Vornamen ausschreibt („Ella von Schultz-Adaïewsky“ bzw. „Ella Adaïewsky“), womit sie sich deutlich als Komponistin bzw. Musikwissenschaftlerin zu erkennen gibt.

In den 1870er Jahren komponiert Ella Adaïewsky zwei Opern: eine einaktige Volksoper, Die Tochter des Bojaren (1873), und eine Oper in vier Akten, Die Morgenröte der Freiheit (1877), die die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland zum Thema hat. Beide Werke gelangen trotz unermüdlicher Bemühungen nicht auf die Bühne: Intrigen und die politische Zensur verhindern die Aufführungen – manchmal erst in letzter Minute, wenn Gesangs- und Kostümproben schon stattgefunden haben. Das passiert nicht nur in Sankt Petersburg, sondern auch in Paris, Wien und Budapest und entmutigt die Komponistin in höchstem Maße. Da bleiben ‚gut gemeinte Ratschläge‘ nicht aus: „Lassen Sie Ihre Oper – Oper sein und heiraten Sie, das ist die Aufgabe der Frau“, empfiehlt ihr ein Freund 1879, und sie kommentiert: „U-ah! ich muss ein wenig gähnen. Wie oft hab‘ ich das schon hören müssen.“

1882, 36-jährig, lässt sich Adaïewsky gemeinsam mit ihrer jüngsten Schwester, der Malerin Pauline Geiger, und deren drei kleinen Söhnen in Venedig nieder. Sie knüpft Kontakte zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des venezianischen Musiklebens, trägt aktiv zum Musikleben der Stadt bei und genießt große Anerkennung als Pianistin, Komponistin und Musikwissenschaftlerin. An Kompositionen entstehen in Italien hauptsächlich Lieder, darunter die 24 Präludien für Singstimme und Klavier (1903-07) auf Texte ihres Neffen Benno Geiger. Neben der Komposition nimmt nun die musikwissenschaftliche Forschung einen breiten Raum in ihrem Leben ein. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Musik der alten Griechen und die Volksliedforschung.

Im Salon der Fürstin Schönaich-Carolath freundet sich Ella Adaïewsky 1909 mit deren Schwester Freifrau Franziska von Loë aus Bonn und ihrer Tochter Margarethe an, die in Venedig zu Besuch sind. Einer Einladung ins Rheinland kommt die 63-Jährige noch im selben Sommer nach. 1911 folgt ein zweiter Besuch – der schließlich bis zum Tode der Komponistin im Jahre 1926 andauern sollte. Anfangs pendelt sie zwischen Bonn, dem Wohnsitz Franziska von Loës, und Schloss Segenhaus bei Neuwied (dem Besitz der Königin Elisabeth von Rumänien, geborene Prinzessin zu Wied, als Dichterin auch unter dem Namen „Carmen Sylva“ bekannt), mit dessen Verwaltung Margarethe von Loë betraut ist. Seit Beginn des 1. Weltkriegs lebt sie überwiegend in Segenhaus.

Sie komponiert, schreibt musikwissenschaftliche Aufsätze für verschiedene Fachzeitschriften, erteilt Margarethe von Loë Kompositionsunterricht, musiziert mit den Wied‘schen Familienmitgliedern und den Gästen, die im nahe gelegenen Schloss Monrepos oder in Segenhaus selbst zu Besuch sind (Elly Ney und Willem van Hoogstraten, das Prisca-Quartett, das Quartett der Kölner Oper) und in Bonn mit den Bonner Freundinnen. „[...] wie gut Ella es in Bonn hat“, schreibt ihre Schwester Pauline 1909, „sie ist der Mittelpunkt von allem, gefeiert, bewundert, auf Händen getragen.“ Tatsächlich setzt sich der rheinische Freundeskreis engagiert für die Komponistin ein. Ihre Griechische Sonate für Klarinette und Klavier, 1880 entstanden, wird auf Anregung des Musikkritikers Otto Neitzel 1910 im Kölner Tonkünstlerverein von Richard Friede und Elly Ney aufgeführt und 1913 auf Kosten der Bonner FreundInnen gedruckt. Ein anonymer niederländischer Mäzen schließlich lässt 1912 ihre 24 Präludien für Singstimme und Klavier drucken.

Während des 1. Weltkrieges nennt sich die Komponistin wieder „von Schultz“ – der Name „Adaïewsky“ ist den Behörden suspekt, und es kursiert der Verdacht, es könne sich bei ihr womöglich um eine russische Spionin handeln. Die deutschen Freunde müssen für sie bürgen, jeglicher Briefkontakt ins Ausland ist ihr untersagt.

In ihren letzten Lebensjahren führt Ella Adaïewsky ein äußerst zurückgezogenes Leben. Noch 1925 veröffentlicht sie einen Aufsatz über keltische Folklore. Sie stirbt kurz nach ihrem 80. Geburtstag in Bonn am 29. Juli 1926 und wird auf dem Bonner Alten Friedhof beigesetzt.

© Renate Hüsken



“E. Adaïewsky" is the stage name of the young woman whose choral works were performed in the Russian Pentecost service in Bad Ems in 1870—in the presence and at the express request of Tsar Alexander II, by the singers of the Imperial Court Orchestra. Born Elisabeth Schultz, known as "Ella," she was born on February 10, 1846 (Julian style) in Saint Petersburg. She was the eldest of five children of physician Dr. Georg Julius Schultz (from 1856, von Schultz) and his wife Theodora. Ella's father was of Baltic origin, her mother of North German descent. Both parents were highly musical. Her mother, a student and assistant of the then world-famous composer, pianist, and music educator Adolph Henselt, taught piano at a prestigious girls' school in Saint Petersburg.

From the age of six, Ella received regular piano lessons, first from her mother, then from Adolph Henselt, and during an extended stay in Germany with Martha von Sabinin, a pupil of Liszt. During this trip, her mother realized Ella possessed exceptional talent, and given the family's precarious financial situation, they decided—hoping for a lucrative income—to train the young girl to become a piano virtuoso. Under the tutelage of her ambitious mother, and with instruction from Henselt and Nicolas von Martinoff, the thirteen-year-old began a period of intensive piano study. Two years later, in the winter of 1861/62, Elisabeth von Schultz gave her first public concert in Saint Petersburg. It was a resounding success. Concerts in the Russian Baltic provinces, Poland, France, England, the Netherlands, and Germany followed, bringing not only fame but also much-needed financial support.

The successful concert tours of a Henselt student in Western Europe caused a sensation in the Russian capital: When Elisabeth von Schultz returned to her homeland in 1864 after an absence of almost two years, she was courted primarily by aristocratic circles and members of the Tsar's family. Since they wanted to attract the young woman as a prominent student to the St. Petersburg Conservatory, recently founded by Anton Rubinstein, they offered her temporary payments (as compensation for the concert income she would have lost during her studies) and her father a position in the Imperial Court Ministry. In September 1864, Ella von Schultz enrolled at the St. Petersburg Conservatory to continue her studies. Her teachers included the institute's director, Anton Rubinstein (instrumentation), and the composer Nikolaus Zaremba (composition)—both of whom also taught Pyotr Tchaikovsky, who attended the conservatory from 1862 to 1865—as well as the Czech composer and folk song collector Ignaz Vojáček (music theory), the Russian music writer and composer Alexander Famintzin (music history), and the Bohemian pianist and composer Alexander Dreyschock (piano). The young woman completed her studies in 1869 with a diploma as a "Free Artist."

Even during her studies, Elisabeth von Schultz had increasingly devoted herself to composition. When, in 1870, the performance of her Russian Orthodox church choral works was threatened because her name identified her as female, of German descent, and of the Protestant faith, she chose the male Russian pseudonym "E. Adaïewsky" (female names in Russian end in -a). She retained this stage name throughout her life, but later varied it by adding her birth name ("E. von Schultz-Adaïewsky") and/or writing out her given name ("Ella von Schultz-Adaïewsky" or "Ella Adaïewsky"), thus clearly identifying herself as a female composer and musicologist, respectively.

In the 1870s, Ella Adaïewsky composed two operas: a one-act folk opera, The Boyar's Daughter (1873), and a four-act opera, The Dawn of Freedom (1877), which addressed the abolition of serfdom in Russia. Despite her tireless efforts, neither work was staged: intrigue and political censorship prevented performances—sometimes only at the last minute, after vocal and costume rehearsals had already taken place. This occurred not only in Saint Petersburg, but also in Paris, Vienna, and Budapest, and deeply discouraged the composer. Well-meaning advice was inevitable: "Leave your opera to opera and get married, that's a woman's job," a friend advised her in 1879, to which she replied: "Ugh! I have to yawn a little. How often have I heard that before."

In 1882, at the age of 36, Adaïewsky settled in Venice with her youngest sister, the painter Pauline Geiger, and her sister's three young sons. She established connections with the most important figures in Venetian musical life, actively contributed to the city's musical scene, and enjoyed great acclaim as a pianist, composer, and musicologist. In Italy, she primarily composed songs, including the 24 Preludes for Voice and Piano (1903-07) to texts by her nephew Benno Geiger. Alongside composition, musicological research now occupied a significant portion of her life. Her work focused on the music of the ancient Greeks and folk song research.

In 1909, Ella Adaïewsky befriended Princess Schönaich-Carolath's sister, Baroness Franziska von Loë from Bonn, and her daughter Margarethe, who were visiting Venice, in the princess's salon. The 63-year-old accepted an invitation to the Rhineland that same summer. A second visit followed in 1911—a relationship that would ultimately last until the composer's death in 1926. Initially, she commuted between Bonn, Franziska von Loë's residence, and Segenhaus Castle near Neuwied (the property of Queen Elisabeth of Romania, née Princess zu Wied, also known as the poet Carmen Sylva), which was managed by Margarethe von Loë. From the beginning of World War I, she lived primarily at Segenhaus.

She composes, writes musicological articles for various journals, gives composition lessons to Margarethe von Loë, performs with the Wied family members and guests visiting the nearby Monrepos Palace or Segenhaus itself (Elly Ney and Willem van Hoogstraten, the Prisca Quartet, the Cologne Opera Quartet), and in Bonn with her friends there. “[…] how well Ella is doing in Bonn,” her sister Pauline wrote in 1909, “she is the center of everything, celebrated, admired, adored.” Indeed, the Rhenish circle of friends actively supports the composer. Her Greek Sonata for Clarinet and Piano, composed in 1880, is performed in 1910 at the Cologne Tonkünstlerverein by Richard Friede and Elly Ney at the suggestion of the music critic Otto Neitzel, and printed in 1913 at the expense of her Bonn friends. Finally, in 1912, an anonymous Dutch patron commissioned the publication of her 24 Preludes for voice and piano.

During World War I, the composer reverted to using the name "von Schultz"—the name "Adaïewsky" was viewed with suspicion by the authorities, and there were suspicions that she might be a Russian spy. Her German friends had to vouch for her, and she was forbidden from writing to anyone abroad. In her final years, Ella Adaïewsky led an extremely secluded life. As late as 1925, she published an essay on Celtic folklore. She died in Bonn on July 29, 1926, shortly after her 80th birthday, and was buried in the Old Cemetery there.

© Renate Hüsken